Was geschah in den Tagen des April 1945 in Andisleben, Teil 1

Sehr geehrte Bürger(innen),

Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges sind 70 Jahre vergangen. Die Welt hat sich seither verändert, grundlegend und schneller als jemals zuvor. Wer zu Beginn des Krieges geboren wurde, ist heute weit über 75 Jahre alt. Die Zeitzeugen  werden immer weniger. Aus dieser Sicht ist der Zweite Weltkrieg noch immer ein sehr aktuelles Ereignis deshalb möchte ich die letzten Tage des April 1945 hier nachzeichnen.

Nach sechs Kriegsjahren waren auch in Andisleben die Zeichen des verlorenen Krieges  und das bevorstehende Kriegsende zu erkennen. Im Frühjahr, so um den 6. April 1945 kamen viele Gefangenentransporte, vorwiegend russische Kriegsgefangene, durch Andisleben. Sie marschierten in Richtung Walschleben den Stangenweg entlang. In den vergangenen Tagen kam es oftmals zu Überflügen von feindlichen Flugzeugen über Andisleben. Am 8. und 9. April 1945 ordnet der Andislebener Bürgermeister Paul Schütz an, dass die Einwohner, die über keinen festen Keller verfügten, Erdgruben ausheben sollen und diese als Schutz zu nutzen. Am 8.April wurde eine kleine Kompanie Wehrmachtssoldaten und eine Kompanie  der Waffen-SS in Andisleben stationiert.  Nach dem äußeren Erscheinungsbild zu urteilen, waren die Soldaten ausgemergelt und erschöpft. Viele waren über den Volkssturm in diese Kompanie der Wehrmacht gekommen. Die Soldaten in den  schwarzen Uniformen der SS  machten jedoch keinen besseren Eindruck. Am 10. April 1945 nahm der tragische Tagesablauf seinen Anfang. Schon in den frühen Morgenstunden verschanzten sich die Soldaten und die SS am Hinteranger. Das neugebaute Haus der Familie Jahp, welches mit den Westgiebel in Richtung Walschberg steht, wurde durch die Kompanieführung zum Gefechtsstand eingerichtet. Um 12:35 Uhr begann die Amerikanische Armee, von Richtung Dachwig aus, den Beschuss mit Granaten auf Andisleben. Alle Einwohner flohen in die Keller und Erdgruben. In den Keller des Hauses der Familie Jahp flohen auch die Anwohner der Straße Am See.

Langsam bahnt sich die Katastrophe an. Eine erste Granate trifft in den nahegelegenen Garten des Grundstücks Uttrodt. Das Wohnhaus des Nachbarn, Oskar Bärwolf, wurde von der zweiten Granate getroffen. Jetzt erschütterte ein schweres Beben und Grollen den Keller des „Jahpschen Hauses„, ein Volltreffer. Eine Granate trifft den Westgiebel des Hauses. Sofort fällt der Hausgiebel in sich zusammen und bedeckt den Keller. Durch den gewaltigen Aufprall fiel die Kellerdecke ein und begrub die Insassen unter sich. Der Beschuss auf Andisleben wurde immer heftiger. In der Ortsmitte wurde die große Scheune des Schmiedemeisters Oswald Winkler von Granatenbeschuß getroffen und total zerstört. Insgesamt wurden 28 Häuser von den amerikanischen Granaten getroffen und  drei Scheunen und zwei Ställe komplett zerstört. Die obere Hälfte des Westgiebels der Kirche wurde ebenfalls zerschossen. Die Stromleitungen wurden zerstört und die Wasserleitung ebenfalls getroffen. Diese defekten Leitungen werden noch Monate später Andisleben ohne Strom lassen. Gegen 14.00 Uhr flog eine deutsche ME 109 über Andisleben auf die amerikanischen Stellungen zu. Dabei wurde mit der bordeigenen  Fla-MG geschossen. Irrtümlich wurde auch das Haus der Familie Sprachmann, Am See 170, beschossen. Unter  Lebensgefahr   hisste  der Bürgermeister, Paul Schütz,  gegen 16:00 Uhr   die weiße Fahne auf den Kirchturm und läutete die große Glocke als Zeichen das jeglicher Widerstand sinnlos war und als Verbrechen betrachtet wurde.  Dabei wurde Paul Schütz am Arm durch einen deutschen Heckenschützen verwundet. Die amerikanische Armeeeinheit  marschierte immer mehr auf Andisleben zu. Die Wehrmachtssoldaten und die Kompanie der SS begaben sich zum Rückzug und flohen in Richtung Hinter dem Hof. Dabei mussten sie ihre gefallenen und verwundeten Kameraden zurück lassen. Gegen 16.15 Uhr hatte der Spuk in Andisleben ein Ende. Gegen 16:30 Uhr trafen die ersten amerikanischen Soldaten in Andisleben ein. Sofort wurden durch die US-Armee alle verfügbaren Einwohner zur Opferbergung in das Jahpsche Haus geschickt. Mit Entsetzen wurden 5 Leichen aus den Trümmern des Wohnhauses geborgen. In den Kellerräumen haben Manfred Bärwolf, Werner Bärwolf, Ilse Wicke, Emma Schalbe und Ursula Schalbe ihr Leben verloren.  Die herbeigelaufenen Einwohner mussten einen schrecklichen Anblick zu ertragen, in den  Stellungen der Wehrmacht lagen vier bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte  Soldaten. Weil es keine Särge gab, wurden die Leichen und Leichenteile in Sisalsäcke gelegt. Die Beerdigung fand am nächsten Tag auf den Friedhof Andisleben statt.  Die sterblichen Überreste wurden auf Tannengrün und Sisalsäcke unter Teilnahme vieler Einwohner  im Gemeinschaftsgrab beerdigt

Hans Vollrath

 Bürgermeister-